Übers Bahnfahren ...

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Bahn fahren ist nicht immer so easy-cheasy, wie es uns die Werbung vorgaukelt. Manchmal wird das Nervenkostüm ganz schön strapaziert, besonders wenn mitfahrende Zeitgenossen glauben, der Waggon gehört ihnen ganz alleine - vor allem in der 2. Klasse.

"Sehr geehrte Fahrgäste, leider haben wir aktuell eine Verspätung von zehn Minuten.“ Ein Satz, den viele Bahnfahrer schon einmal gehört haben. Wer mit der Bahn fährt, muss einiges aushalten. Stundenlang am Bahnhof warten da ein Zug ausgefallen ist und dann ist auch noch der Ticketautomat defekt. Und dann noch die Bahndurchsagen, die man aufgrund des Lärmpegels der Umgebung und der Lautsprecher, die gefühlt aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts stammen dürften, nicht versteht. Wie sagte schon Johann Wolfgang von Goethe: Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!

Hat man es endlich in den Zug geschafft, beginnt die Suche nach einem geeigneten Sitzplatz. Na, Mr. Who, haben wir wieder einmal die paar Euro für die Sitzplatzreservierung gespart? Irgendwo fällt mir ein, dass bei der Ticketbuchung am Bildschirm ein Satz sinngemäß stand: „An diesem Tag wird ein erhöhtes Reiseaufkommen erwartet!“ Jetzt ist es zu spät. Ausgestattet mit Laptop-Tasche über der Schulter, überdimensionalem Trolley (wer glaubt, dass nur Frauen unnötiges Zeugs für drei Tage mitschleppen, wird hier eines Besseren belehrt) und einem papierenen Jausensackerl in der Hand, kämpfe ich mich hinter vielen Anderen durch den Waggon der 2. Klasse. Jeder sucht einen optimalen Sitzplatz. Natürlich will jeder seine eigene Sitzreihe für sich alleine und natürlich einen Platz mit Tisch - alleine wohlgemerkt. Zusätzlich erschwert wird die Suche durch die Sitzplatzreservierungen. Aus den schlecht lesbaren Angaben ist es nicht leicht, die richtigen Informationen zu entnehmen. Es entsteht ein Stau. Der Zug setzt sich bereits in Bewegung. Auch die Schlange an Passagieren. Mit meiner Laptop-Tasche verpasse ich einer Dame einen Bodycheck. Unbewusst, da sich gerade in diesem Moment der Zug in eine Kurve begibt. Gott sei Dank hat sie überlebt. Sie schein es mit Humor zu nehmen - erfahrene Bahnfahrerin also. Aber mein Sackerl liegt zerrissen am Boden und mit ihr Wurstsemmel und Wasserflasche. Der Apfel hat das Weite gesucht und wird sich erst abends dem Putztrupp zeigen. Die Schlange bewegt sich wieder - langsam. Weiter vorne haben zwei Damen - eine gut aussehende jüngere und eine im fortgeschrittenen Alter - ihre Plätze gefunden. Nun aber haben Sie das Problem mit ihren Koffern. Die sollten auf die Gepäckablage nach oben gehievt werden. Aber wie? Jeder der Koffer ist zu schwer (wie meiner!). Die Jüngere braucht nicht lange zu warten. Ein etwa so junger Galan half ihr sofort. Der älteren Dame aber verwehrte er seine Hilfsdienste - vorerst. Erst als sie verzweifelt ihren Koffer hochzuheben versuchte, hatte er einsehen und bugste den Selbigen auf die andere Seite der Sitzreihe. Wo er Platz nahm können Sie sich natürlich denken.

Die Schlange wird zwar kürzer, doch nun tauchte ein weiteres Problem auf. Von der anderen Seite bewegte sich ebenfalls eine Schlange in Richtung Waggonmitte zu. Ich überlegte nicht lange und platzierte mich in einer Vierer-Sitzgruppe, wo außer mir noch ein Herr saß. Er war, wie eigentlich alle hier im Waggon und wahrscheinlich im ganzen Zug in sein Handy vertieft, einschließlich meiner Wenigkeit. Plötzlich kommt wieder Bewegung in die Menge und das im Sitzen. Ach ja, der Schaffner ist im Anmarsch. Rasch scannt er die QR-Codes auf den Tickets, die ihm als ausgedruckte PDFs oder am Smartphone vorgehalten werden. Nur mein Gegenüber sucht und sucht. Der Schaffner hat heute scheinbar seinen sozialen Tag und geht seinem Job bei den bereits ungeduldig wartenden Fahrgästen nach. Keiner kann es erwarten, dass sein undefinierbares schwarz-weißes Kasterl (QR-Code) vom Lesegerät eingesaugt und mit einem befriedigenden Hackerl bestätigt wird. Mittlerweile hat der Herr gegenüber seinen A4-Zettel zusammengefaltet in seiner Brieftasche gefunden und wachelt dem Schaffner nach, der ihm nach kurzer Zeit zu seinem Fund gratuliert und ihm eine gute Weiterfahrt wünscht. 

Irgendwie musste der Zugbedienstete jedoch Hellseher gewesen sein oder zumindest soviel Erfahrung besitzen, um das darauf folgende bereits gewusst zu haben. Mein Sitznachbar begann plötzlich zuerst seine Sakko- dann seine Manteltaschen und danach die Aktentasche zu durchsuchen. Einmal, zweimal, dreimal - dann holte er hektisch sein Handy heraus, wählt und erklärt laut, er habe seine Unterlagen für die kommende Veranstaltung vergessen. Ich und bestimmt die Hälfte der Mitreisenden bekommen nun eine telefonische Führung durch sein Büro. Dazu muss ich sagen, dass wir uns in einer Ruhezone eines Railjet der Österreichischen Bundesbahnen befanden, in dem auf Rücksicht der anderen Passagiere, das laute Telefonieren unterlassen werden soll. Auf verschiedenen Aktenhaufen, in mehreren Ablagefächern, Mappen und Schubladen müssen die Unterlagen doch stecken. Nichts zu finden. Er wies Renate - so hieß sein telefonischer Gesprächspartner  - an, seinen Computer zu starten. Mittlerweile kennen alle im Waggon das Passwort. Nach ewigen Minuten, endlich, tauchen sie auf. Per Mail sollen sie noch vor dem Mann im Hotel eintreffen. Somit erfahren wir indessen auch, wo er wohnen wird. Am Münchner Hauptbahnhof trennen sich unsere Wege. 

Ich warte auf meinen Anschlusszug. Der hat aber eine Stunde Verspätung!